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Das Spieleparadies der 1980er Jahre in München

29.09.2002 · 1 Kommentar

Das Spieleparadies der 1980er Jahre in München

Oben: Jugendliche bei Videomagic in München. (Bild: Marshall Cavendish)

„Videomagic: Vorbildlich!“ oder „Die Münchner haben es halt doch besser“, so lauteten einige der Artikel, die nach der großen Eröffnung von Videomagic am 12. Juli 1983 in verschiedenen Zeitschriften erschienen sind. Ungewöhnlich war eine Berichterstattung der Medien über den neuen Spieleshop in München sicherlich nicht. Immerhin galt Videomagic zu dieser Zeit als das größte Fachgeschäft für Videospiele in ganz Europa!

Im Bereich des Videospiele-Einzelhandels setzte Videomagic damals völlig neue Maßstäbe. Die Betreiber hatten die komplette Ladenfläche auf das Medium der Videospiele ausgerichtet. Ungefähr 50 Bildschirme und Terminals standen bereit, mit der Möglichkeit sofort über 150 verschiedene Konsolenspiele zu testen. Die ganze Einrichtung war absolut neu und für die „Early 80ties“ sehr modern gestaltet. Von der hervorragenden Sachkompetenz und Freundlichkeit aller Mitarbeiter ganz zu schweigen. An dieser Stelle viele Grüße an den ehemaligen Geschäftsführer Oliver Trunk!

Spielen nur mit Chips

Treffpunkt der Telespieler am Münchener Stachus. (Bild: M. Cavendish)
Treffpunkt der Telespieler am Münchener Stachus. (Bild: M. Cavendish)
Videomagic verwirklichte die Idee, nach Vorbild der echten Arcade- Spielhallen, selbstentwickelte Konsolen-Automaten aufzustellen, die statt mit Geld mit sogenannten „Fun-Chips“ funktionierten. Ein Chip kostete 50 Pfennig und reichte für ca. 5 Minuten Spielzeit an einer Konsole. Dies klingt aus heutiger Sicht vielleicht etwas teuer, dazu muß man aber wissen, daß die Chips mit 10% auf alle Hard- und Softwarekäufe angerechnet wurden. Da Videomagic sowieso zu den Fachgeschäften mit den günstigsten Preisen zählte, gab es auch keinen Grund seine Produkte woanders einzukaufen. Schnell entwickelte sich Videomagic zum beliebten Treffpunkt aller Videospieler in und um München. Jeder konnte bei Videomagic neuen Videospiele ansehen und ausprobieren, auch Produkte die man in den regulären Geschäften nicht so einfach zu Gesicht bekam. Zum Beispiel den Starpath Supercharger für das Atari VCS (1982) oder das Intellivoice Modul für Mattels Intellivision (ebenfalls 1982). Besonders spektakulär: Das berühmten Autorennen Turbo von Colecovision wurde auf einer 2x2 Meter großen Leinwand zusammen mit dem Coleco Lenkrad-Ausbaumodul professionell in Szene gesetzt. Das übertraf selbst das Original in den echten Spielhallen.

Für Jugendliche verboten?

Natürlich dauerte es nicht lange, bis bestimmte Institutionen anfingen gegen Videomagic vorzugehen. Immerhin standen die neuen Videospiele damals ja noch unter dem Ruf sie seinen eine Ausgeburt der Hölle und Jugendliche hätten sich ja lieber mit etwas „anständigem“ zu beschäftigen, als mit solchem sinnlosem Zeitvertreib.

Fünfzig Pfennige für einen Fun-Chip. Ist Videomagic eine Spielhalle? (Bild: Marshall Cavendish)
Fünfzig Pfennige für einen Fun-Chip. Ist Videomagic eine Spielhalle? (Bild: Marshall Cavendish)

Also verklagte die Stadt München Videomagic mit der Begründung: „Betreibung einer Spielhalle für Personen unter 18 Jahren“. Nach langem Rechtsstreit mußte sich Videomagic vor Gericht diesem Urteil sogar geschlagen geben. Die Geschäftsleitung lies sich trotzdem nicht so einfach unterkriegen und umging das Urteil dadurch, daß man die „Fun-Chips“ nun kostenlos an die Spieler verteilte. Erklärtes Ziel war ja nicht die Betreibung einer Spielhalle, sondern in erster Linie der Verkauf der Konsolen, Hardware und Module.

Das Spielforum von Videomagic. Futuristisch und platzsparend zugleich. (Bild: Marshall Cavendish)
Das Spielforum von Videomagic. Futuristisch und platzsparend zugleich. (Bild: Marshall Cavendish)

Ebenfalls schnell reagierte Videomagic auf das Erscheinen der neuen Homecomputer von Commodore, Spectrum und Atari. Schon bald entstand eine eigene Computerabteilung. Dort sah ich zum ersten Mal die gute alte „Brotkiste“ Commodore 64 und Spiele wie Falcon Patrol, Fort Apocalypse oder das International Soccer.

Der unvermeidliche Geschäftsschluss

Videomagic-Anzeige für den MagicMonitor von 1983. Alles, was am Bildschirm Spaß macht! (Bild: M. Cavendish)
Videomagic-Anzeige für den MagicMonitor von 1983. Alles, was am Bildschirm Spaß macht! (Bild: M. Cavendish)
Obwohl Videomagic selbst den Verkauf der Homecomputer sowie deren Software forcierte, war es vermutlich gerade das große Konsolensterben durch die Homecomputer, die letztendlich die Geschäftsleitung dazu brachte, nach dem ganzen Ärger mit der Stadt München und dem eher schleppenden Verkauf der neuen Homecomputersoftware durch die vielen Raubkopierer, Videomagic wieder zu schließen. Nach dem offiziellen Ende verkaufte Videomagic weiterhin unter dem Pseudonym „Fun-Tastic“ Computerspiele als Versandunternehmen über Zeitungsanzeigen bekannt. Diese Artikel erschienen in allen großen Fachzeitschriften wie Telematch oder später der ASM. Was sich aber am Ende daraus entwickelt hat, ist mir leider nicht mehr bekannt. Heute befindet sich ein Discountladen für T-Shirts in den ehemaligen Geschäftsräumen von Videomagic, sogar teilweise mit der alten Originaleinrichtung. Inzwischen ist diese natürlich schon sehr ramponiert und heruntergekommen. Manchmal, wenn ich München noch besuche, schaue ich dort vorbei und erinnere mich an die „gute alte Zeit“ der klassischen Konsolen und die vielen schönen Stunden die ich dort verbrachte.

Unerreichte Atmosphäre

Trotz der Vertriebsstrukturen heutiger Konsolenriesen wie Nintendo oder Sony ist Videomagic mit seiner Größe und der besonderen Atmosphäre bis heute unerreicht geblieben. Damit hat sich Videomagic mit Sicherheit einen Ehrenplatz in der „Hall of Fame“ der Video- und Computerspiele verdient. Auch wenn sich leider nur noch die alten Konsolenfans aus dem Raum München an dieses geniale Fachgeschäft erinnern werden.

Guido Frank · 29.09.2002

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ÜBER DEN AUTOR

Guido Frank
Guido Frank
Meine Begeisterung für Videospiele entstand irgendwann Ende der 1970er Jahre, als ich als kleiner Knirps (Jahrgang 1968) erstmals den großen schillernden Spielautomaten gegenüberstand. Sofort erlag ich der Faszination, die solche Geräte auf mich ausübten. Es folgte der typische Lebenslauf wie für viele Jugendliche der Generation Pong. Nach dem Kauf einer eigenen Konsole nahm ich ab 1983 aktiv an der Atari VCS Bundesliga teil, der weltweit ersten überregionalen Gemeinschaft von Videospielern. Mit dem Commodore 64 erlebte ich die frühe Ära der Homecomputer und wurde dabei langsam erwachsen. Später hieß dann meine beste Freundin Amiga 500. Das Interesse an dem unterhaltsamen Medium hat mich seit damals nicht verlassen. Mit unserer Arbeit möchten wir erreichen, dass diese aufregende Pionierzeit nicht einfach in Vergessenheit gerät.

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